Arbeitsblatt: Rollenspiel – Begegnung zwischen Täter und Opfer

Thema: Individuelle Verantwortung vs. Systemzwang im MfS Zielgruppe: 11. Klasse Sozialform: Dreiergruppen (Täter, Opfer, Beobachter)

I. Die Ausgangslage

Wir schreiben das Jahr 2010. Die DDR und das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) sind seit 20 Jahren Geschichte. Das ehemalige Opfer hat vor kurzem Einsicht in seine Stasi-Akte beim Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen genommen und dabei detaillierte Informationen über die damalige Überwachung erhalten. Nun kommt es zu einer direkten Begegnung mit der Person, die damals für diese Akte verantwortlich war.

II. Die Rollenkarten

Schneidet die für eure Gruppe passenden Rollenkarten aus. Lest sie euch in Ruhe durch und versetzt euch in die jeweilige Person.

Szenario 1: Vertrauensbruch im privaten Umfeld

Rolle A: Monika Haeger (Die IM) Rolle B: Das Opfer (Gegenüber von Monika)
Hintergrund: Du warst Inoffizielle Mitarbeiterin (IM). Du hast dich in die Opposition eingeschlichen und enge Freunde verraten.
Deine Sicht damals: Du hast aus tiefer (naiver) Überzeugung gehandelt. Du dachtest, du rettest den Staat vor „Subversiven“ und sicherst den Frieden.
Deine Haltung heute: Du stellst dich der Wahrheit. Du empfindest Scham, weichst den Fragen nicht aus, suchst aber verzweifelt nach Worten, um dein damaliges „Warum“ zu erklären.
Hintergrund: Du warst Teil der Berliner Oppositionsbewegung. Du wurdest von Monika verraten, die du für eine enge Freundin hieltest.
Deine Sicht damals: Der Verrat hat deine privaten Beziehungen zerstört und zu massiver psychischer Belastung geführt.
Deine Haltung heute: Du fühlst dich zutiefst hintergangen. Du willst Antworten: „War unsere Freundschaft nur gespielt? Hast du beim Kaffeetrinken schon deinen Bericht formuliert?“

Szenario 2: Technokratie und Mauerbau

Rolle C: Hagen Koch (Der linientreue Offizier) Rolle D: Das Opfer (Gegenüber von Hagen)
Hintergrund: Du warst hauptamtlicher Major der Stasi. Du hast unter anderem den Mauerverlauf kartiert und im Wachregiment gedient.
Deine Sicht damals: Du wurdest im System sozialisiert und auf den Antikapitalismus eingeschworen. Es war für dich ein militärischer Auftrag zur Friedenssicherung.
Deine Haltung heute: Du argumentierst technokratisch und sachlich. Du warst ein loyaler Staatsdiener, kein Sadist. Du rechtfertigst dich damit, dass du ein Kind deiner Zeit warst und nur Befehle ausgeführt hast.
Hintergrund: Du hast massiv unter der Abriegelung der DDR gelitten. Vielleicht wurdest du beim Versuch, die Grenze zu passieren, verhaftet oder von deiner Familie getrennt.
Deine Sicht damals: Menschen wie Koch haben das Gefängnis DDR erst möglich und ausbruchssicher gemacht.
Deine Haltung heute: Du bist wütend über diese kalte, bürokratische Ausrede. Du fragst: „Hast du bei deinen Zeichnungen jemals an die Menschen gedacht, die an dieser Mauer sterben könnten?“

Szenario 3: Kaltblütige Professionalität

Rolle E: Günter Bohnsack (Der Profi-Spion) Rolle F: Das Opfer (Gegenüber von Günter)
Hintergrund: Du warst HVA-Offizier (Auslandsspionage). Du warst Spezialist für Desinformation, Propaganda und psychologische Kriegsführung.
Deine Sicht damals: Du warst ein Profi-Agent im Kalten Krieg. Es war ein strategisches Spiel der Geheimdienste, bei dem es keine Moral gab.
Deine Haltung heute: Du trittst selbstbewusst und wenig emotional auf. Du bereust dein Handwerk nicht, sondern siehst es als historischen Job. Du wahrst eine kühle Distanz zu Einzelschicksalen.
Hintergrund: Du wurdest durch gezielte Lügen der HVA im Westen oder Osten gesellschaftlich diskreditiert (Zersetzung) und beruflich ruiniert.
Deine Sicht damals: Deine bürgerliche und berufliche Existenz wurde von Leuten am Schreibtisch vernichtet.
Deine Haltung heute: Du bist fassungslos über die fehlende Reue. Du willst wissen: „Wie konntest du so kaltblütig über Schicksale entscheiden, als wäre es nur ein Schachspiel?“

III. Beobachtungsbogen (Rolle für die dritte Person)

Du nimmst nicht aktiv am Gespräch teil. Beobachte die Diskussion für etwa 10 Minuten und mache dir Notizen zu folgenden Punkten. Im Anschluss moderierst du die Auswertung in eurer Gruppe.

IV. Reflexion im Plenum

Diskutiert im Anschluss gemeinsam in der Klasse:

  1. Welcher „Tätertyp“ war am schwierigsten im Gespräch zu fassen und warum?
  2. Gibt es einen Unterschied in der moralischen Schuld zwischen einem hauptamtlichen, professionellen Offizier (Koch/Bohnsack) und einer Inoffiziellen Mitarbeiterin (Haeger)?
  3. Leitfrage: Kann man nach 20 Jahren überhaupt von „Versöhnung“ sprechen, wenn Täter sich primär als Rädchen im System definieren?